filter Stadtmagazin Regensburg
Wahrlich mein Hausblatt. In meiner Zeit als Redakteur habe ich u.a. drei verschiedene Redaktionsbüros und zwei verschiedene Herausgeber durchlaufen - und meine Traumstadt von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Zum Beispiel so:


Gruftcharme im Welterbe
Die Schwarze Szene in Regensburg - Porträt einer ganz normalen Subkultur
Als der japanische Germanist Yoshinori Nishijima im Rahmen seiner Gastprofessur eine Vorlesung an der Regensburger Universität antrat, erschrak er bis auf die Knochen. Eine ein Meter fünfundneunzig große Person mit bleicher Haut, pechschwarzem Haar, blassrosa Lippen, metalldurchstochenen Augenbrauen und einem schwarzen Lackmantel über schwarzem T-Shirt, schwarzer Hose und schwarzen Stiefeln stand vor ihm. Jedoch nicht etwa, um ihn zu überfallen und in einer schwarzen Messe Satan zu opfern. Sondern lediglich, um ihn nach weiterführender Literatur im Bereich der vergleichenden Soziolinguistik zu fragen.
Eine kurze Anekdote, die zeigt, dass die Gesamtheit der Schwarzen Szene, angefangen von Gothic über Gruftie bis hin zu Satanisten längst in Alltags- und Popkultur, nicht jedoch in der Wahrnehmung der Menschen angekommen ist. Für filter ein mehr als guter Grund, die Szene zu beleuchten.
Gibt man den Begriff "Schwarze Szene" bei Google, dem beinahe Gradmesser für den Stellenwert von kulturellen Strömungen, ein, erhält man mehr als 86.000 Treffer. Was von Musik- und Modekultur über Satanismus bis hin zu Sado-Maso und Fetisch reicht. All das zwar immer mit Bezug auf die Farbe Schwarz, aber größtenteils ohne Bezüge untereinander. Eine Patchwork-Szene?
"Das einzige, auf was man sich einigen kann, ist die Farbe Schwarz" erklärt Alex (29), selbst Gruftie seit seiner Jugend. Gruftie? "Irgendwann hat die Szene einfach dieses Schimpfwort für sich in Anspruch genommen, mehr nicht", rechtfertigt Alex die Tatsache, dass er sich selbst mit dem eher negativ angehauchten Begriff bezeichnet. "Normalerweise sage ich ‚Goth' oder ‚Gothic', aber ‚Gruftie' ist mittlerweile genauso etabliert. Was aber nicht bedeutet, dass ich mich nachts auf Friedhöfen herumtreibe!" Denn mit Satanismus hat die Szene grundsätzlich erstmal nichts zu tun, darauf angesprochen reagiert Alex sowohl angewidert als auch genervt. "Natürlich gibt es immer wieder ein paar pubertierende Kids, die es unglaublich cool finden, einen auf Satanist zu machen, aber die Regel ist das nicht", so Alex, der selbst sogar mal ein Goth-Mädchen kannte, die Theologie studiert hat - "was aber auch nicht der Normalfall ist, die meisten sind eigentlich Atheisten." Auch die Politik spielt keine Rolle, neben Ausreißern nach rechts und links gibt es in erster Linie politisch gemäßigte Gothics, wäre da nicht das Alter, wäre das Ganze eine Jugendkultur, "doch das ist es schon lange nicht mehr" erzählt Alex mit dem verschmitzten Lächeln eines Endzwanzigers. "Sicherlich, mit 16 wollten wir alle provozieren mit unserer Anti-Haltung und der Farblosigkeit, aber mittlerweile sind das einfach die Klamotten, in denen ich mir am Besten gefalle. Außerdem sind die meisten von uns schon längst nicht mehr jugendlich, alle stehen fest im Leben, manche sind Ärzte oder Anwälte, einige sind verheiratet und haben Kinder." Das finstere Schwarz, die morbide Ästhetik und die depressive Musik sind für Alex kein Grund, nicht trotzdem lachend durchs Leben zu laufen. "Natürlich, der Stil und auch die Musik sind überwiegend depressiv, aber die Menschen nicht wirklich."
Das bestätigt auch der Münchner Mike Krauss, der seit einigen Jahren die Portalseite www.schwarzes-regensburg.de betreibt. "Was die Leute eint ist ein gewisser schwarzer Humor. Menschen, die sich in ihrer Kultur so mit dem Tod beschäftigen und ihn als Teil des Lebens sehen, wie Gothics das tun, beziehen das automatisch auch in ihren Humor mit ein" erzählt der Psychologe, der mittlerweile in München lebt, die Homepage aber während seines Studiums in Regensburg ins Leben gerufen hatte. "So etwas gab es damals einfach noch nicht in Regensburg." Die Homepage selbst, in erster Linie ein Forum, ein Chat und ein Veranstaltungskalender, betreut Krauss nebenher, zu Anfeindungen oder ähnlichem kam es bisher nicht. "Einmal musste ich zwei Leute aus dem Forum rauswerfen, weil sie rechtes Gedankengut verbreitet haben, aber sonst gab es nichts." Krauss lacht, "doch, einmal bekam ich ein Verfahren, weil ich als Anfahrtsskizze zu einer Party eine urheberrechtlich geschützte Karte verwendet hatte. Aber das Verfahren wurde wegen eines Verfahrensfehlers fallen gelassen."
Mit problematischen Partys hat auch Alex Erfahrungen gemacht: "Vor einigen Jahren haben wir in Kallmünz eine Party gefeiert, nichts Großes, ungefähr 40 bis 50 Gothics, aber offenbar hat uns eine nächtliche Spaziergängerin in schwarzen Klamotten tanzen sehen und es weiter erzählt. Ein paar Tage später gab es einen Artikel in der Zeitung, über die Kallmünzer Satanisten, und daraufhin hat dann eine Ladenbesitzerin im Ort eine Unterschriftenaktion gegen Satanismus ins Leben gerufen. Wir hatten uns auch überlegt, dort hin zu gehen und mit zu unterschreiben, aber wir haben es dann doch gelassen. Wir hätten sie wohl alle noch mehr erschreckt." Auf extreme Varianten der Körperkunst wie vampirartig angespitzte Eckzähne oder gespaltene Zungen angesprochen reagiert Axel verständnislos: "Ich kenne niemanden, der sich so was angetan hat. Das sind meiner Meinung nach verrückte Vampire, sonst nichts." Auch Mike Krauss gibt zu, "Menschen, die ihre Nächte auf Friedhöfen verbringen" nicht zu kennen. Mit Gothic habe das nichts zu tun.
Die Schwarze Szene in Regensburg - durchaus lebendig und dennoch unauffällig. "Das Interessante ist, dass sich die ganze Bewegung immer konstant dem Mainstream entziehen konnte - daher hat all das überlebt. Es gibt auch keine großen Hypes, die Zahl der Grufties bleibt eigentlich immer konstant" erklärt Alex das Geheimnis der Kultur, deren kommerzieller Ausbruch im Gegensatz zum Punk ausblieb. "Dafür ist die Szene wohl auch zu vielschichtig" sagt Alex, streift seinen schwarzen Ledermantel über und stiefelt zufrieden los durch das herbstsonnendurchflutete Regensburg, das ihn einmal mehr ein wenig skeptisch begutachtet, um dann zufrieden festzustellen: der ist zwar schwarz angezogen, aber der passt schon gut zu uns!

Den geköpften Jesus kopfüber am Rücken
Ex-Goth Sebastian Horn (Bananafishbones) im Kurzinterview
Sebastian Horn (35) ist Sänger der Band Bananafishbones. Im filter-Interview spricht er über seine Goth-Vergangenheit in einer oberbayerischen Kleinstadt und sein Bild des Teufels. Im Frühjahr erscheint das neue Album der Bananafishbones.
Ein Gothic in Bad Tölz - geht das überhaupt?
Ich war nie so ein richtiger Gothic, ich war eher ein Hippie-Gruftie. Kleidung immer schwarz, aber zerrissen. Kein Kajal, keine Seife, kein Deo. Robert Smith war da mein großes Vorbild. Aber trotzdem war es schwer in Tölz, ich war der einzige, und ich war nicht wirklich erwünscht. Wenn einer ins Tegernseer Bräustüberl kommt im schwarzen Mantel, dann ist das sowieso schon auffällig, aber ich hatte dazu auf dem Rücken noch ein umgedrehtes Holzkreuz mit einem geköpften Eisenjesus dran - ich war damit dann schon in einem nicht gekannten Maße unten durch.
Und warum das alles?
Mich hat das ganze Thema einfach interessiert, ich wollte nie provozieren, sondern es war immer der Stil, der mir gefallen hat. Mir ging es zwar um schon irgendwie um Satan, aber eher um den mythologischen Luzifer, den Lichtbringer, und um den Teufel im Sinne des Zweifels. Nie um das Bild des Teufels als Inbegriff des Bösen, wie die Kirche ihn versteht.
Wie ist es heute?
Heute trage ich farbige Kleidung. (lacht) Aber natürlich habe ich immer noch all das im Background, und auf meinen Waden habe ich zwei Pentagramme tätowiert. Letzten Sommer war ich mit meinen Söhnen beim Baden, und da beschimpfen mich zwei Jungs mit "Jude verrecke!" - da hab' ich mich doppelt geärgert: zum einen über die Nazischeisse und zum anderen schon auch über die Dummheit, ein Pentagramm nicht von einem Judenstern unterscheiden zu können.
Musikalisch hat sich Deine Vorliebe ja auch ausgewirkt…
Unsere Musik ist meistens nicht wirklich düster, aber die Texte dafür umso mehr. Es geht sehr oft um den Tod. Ich bin ein großer Fan der Sisters Of Mercy, von The Cure und Nick Cave, und diese morbide Stimmung versuche ich auch in meinen Texten zu transportieren. Glücklich im Leben stehe ich aber trotzdem.
Satans Missverständnis?
Zu Ursprung und Verwendung des Rockfingers
Das Zeichen Satans - in Diskotheken und auf Rockkonzerten ist die Faust mit ausgestrecktem Zeige- und kleinem Finger ein gern gesehener Gruß. Sinnbild des Einflusses des Teufels auf die Rockmusik, in der pseudowissenschaftlichen Literatur erschöpfend erörtert und von Bands wie Black Sabbath, Led Zeppelin und Kiss ausgiebig zur Provokation genutzt.
Doch was hat es mit dem Teufelszeichen (siehe Bild) eigentlich auf sich? Die Quellen streiten sich: mancherorts, heißt es, symbolisiert das Zeichen einem gehörnten Mann, dass seine Frau ihn betrüge, andere berichten, es handle sich um ein Handzeichen, mit dem man den Teufel und andere böse Wesen (auch Menschen) abwehren könne. Und in der Gebärdensprache der Gehörlosen bedeutet das Zeichen (allerdings hier mit abgespreiztem Daumen) "Ich liebe Dich", in der Schulzeit meistens etwas in der Art von "Vier Bier für die Männer vom Sägewerk", als Anspielung auf den fingergefährlichen Beruf des Holzarbeiters.
Der einstige Black-Sabbath-Sänger Ronny James Dio behauptet von sich, die Geste berühmt gemacht zu haben, nachdem er sie seiner Großmutter abgeschaut hatte. Die im Übrigen nicht gehörlos war, sondern damit böse Menschen abwehren wollte.
Erschienen im filter, Ausgabe 11/2006
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sowie für Credit Suisse, GE Money Bank, KARE etc, von diversen Pitches abzusehen.
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