Gitarre&Bass
Die erste Ausgabe dieses Magazins hatte ich Mitte der 90er Jahre noch versehentlich geklaut, weil ich dachte, es wäre ein Katalog. Und trotzdem wurde dieses Magazin - wenngleich selten - ein Stück journalistische Heimat für mich. Zum Beispiel mit diesem Text über den Gitarristen Frank Kuruc, der u.a. bei Joy Denalane und Freundeskreis die Saiten und Herzen zum Schwingen brachte.

Frühstück mit Gitarre
Frank Kuruc - Produzent, Songwriter, Gitarrist, MUSIKER
Dass es für passionierte Jazzer auch jede Menge Jobs im Pop-Genre gibt, ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr. Sting füllt sich sein Line-Up schon seit Jahren mit Cracks wie Vinnie Colaiuta und Branford Marsalis auf, experimentierfreudige Rockpopper wie die oberbayrischen Notwist bringen jede Menge neue Einflüsse aus ihrer Jazz-Vergangenheit in ihren Avantgarde-Pop ein und sogar die Ingolstädter Lärmrocker Slut vertrauen bei Bläserparts auf ortsansässige Jazzgrößen wie z.B. den jungen Münchner Saxophonisten Ulrich Wangenheim. Pop-Jobs stellen somit eigentlich immer eine musikalische Herausforderung für den durchschnittlich freiheitsliebenden Jazzer dar, einer der begehrtesten Plätze hinter der Gitarre dürfte jedoch der Stuttgarter Gitarrist Frank Kuruc innehaben: Er "dient" hinter der afrodeutschen Soulschönheit Joy Denalane.
Die Arbeit bei Denalanes ‚Mamani-Band' ist für Kuruc jedoch weitaus mehr als eine stinknormale Sidemanstelle. Als Stammgitarrero der Stuttgarter FK Allstars, einem Reggae-, Hip-Hop- und Soulkollektiv um Max Herre und seinen Freundeskreis ist er ein Freund der "Familie", der eben auch Herres Lebensgefährtin Joy Denalane angehört. Die Berlinerin südafrikanischer Herkunft fiel schon vor ca. vier Jahren auf, als sie mit Max Herre das unglaublich erotische ‚Mit Dir' auf dem FK-Album ‚Esperanto' (1998) performte. Ihre funkige, harte Seite bewies sie dann zum ersten Mal mit ihrem Solostück ‚What's up with that' auf dem 2000er FK-Allstars-Album ‚En Directo', eine Live-Platte, auf der auch das knackig-prägnante Spiel des Gitarristen Frank Kuruc überzeugen konnte. Nach den Resonanzen, die Denalane auf der Allstars-Tour bekam, war für Max Herre klar, dass ein Soloalbum mit ihr im Grunde unausweichlich war. Für die musikalische Ausarbeitung des Albums holte sich der Hip-Hop-erfahrene MC und Produzent seinen jazzerfahrenen Freund und Gitarristen Frank Kuruc, der dann neben der Produktion von Denalanes Debütalbum ‚Mamani' (2002) auch die Aufgabe des Musical Directors für die Band übernahm, dass heißt, er wählte die Musiker für das Album aus, arrangierte die Stücke und leitete die Proben und den Ablauf auf der Bühne. Eine Paraderolle für einen musikalisch vielschichtig gebildeten Instrumentalisten wie Kuruc, allerdings sicher nicht leicht für einen freiheitsliebenden Jazzer, die musikalische Freiheit zugunsten eines massenkompatibleren und "kompakteren" Sounds aufzugeben. Frank Kuruc jedoch kommt bestens damit klar: "Unterfordert fühle ich mich in so einem musikalischen Rahmen überhaupt nicht. Es gibt natürlich kaum den Raum zum Improvisieren, den wir Jazzer im Normalfall brauchen, aber es hat dafür völlig anderen Reize. Es ist einfach eine ganz andere Anforderung an einen Jazz-Gitarristen, sich zusammen zu nehmen und in diesem doch recht engen Rahmen zu agieren. Selbstverständlich gibt es Instrumentalsolos, aber eben bei weitem nicht so lange!"
Neben der musikalischen Koordination schrieben er, Denalane und Herre einen Großteil der Stücke des Albums, teilweise in wohlig intimen Situationen. "Die aktuelle Single aus dem Album, ‚Was auch immer', war das erste Stück, das haben wir vor ca. zweieinhalb Jahren geschrieben. Max, Joy und ich saßen beim Frühstück auf der Terrasse und irgendwie kamen wir ins Jammen. Ich spielte ein paar Akkorde und Riffs auf der Gitarre und Joy fing an, darüber zu improvisieren. Allerdings hatten wir das Gefühl, der Song würde mit diesem Gute-Laune-Feeling nicht auf die Platte passen, zuletzt haben wir ihn dann aber doch drauf genommen." Eine Art Songwriting, die sehr viel Kreativität und Improvisationsfreude voraussetzt. Eine Schlüsselqualifikation bei Kuruc, der, geboren in der Tschechoslowakei, nach seinem Abitur 1983 in Stuttgart klassische Gitarre zu studieren begann und nach seinem Diplom 1987 seinen Horizont u.a. zusammen mit dem Berliner Gitarrengenie Frank Möbus am Berklee College of Music erweiterte. Als sich in dem Autodidakten nach dem Abitur der unbedingte Drang abzeichnete, dass er sein Instrument studieren wollte, stand der Wahl-Stuttgarter vor der Herausforderung, erst einmal Noten schreiben und lesen zu lernen. Beeinflusst von den obligatorischen Standardvorbildern wie Jimi Hendrix, Eric Clapton und Carlos Santana begann der kleine Frank schon in seiner Schulzeit, sich seinem Traum, gnadenlos rockend auf der Bühne zu stehen, näher zu bringen und spielte seine Lieblingsmusik nach. Schon bald jedoch bemerkte eine nicht erlöschen wollende Liebe zum Jazz: "Natürlich stand ich unheimlich auf Hendrix und Santana, beeinflusst hat mich aber wahrscheinlich am meisten Wes Montgomery. Er wird leider viel zu oft auf sein Oktavspiel reduziert, das ist aber nur eine kleine Facette, er hatte viel mehr drauf. Sein Groove ist der Hammer, seine Singlelines sind unglaublich." Seit 1993 bringt er sein Wissen nun den Studenten der Jazz-Gitarre an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim näher, außerdem ist er seit 1996 Dozent bei dem von Peter Herbolzheimer geleiteten BundesJazzOrchester BuJazzO. Ein musikalischer Hintergrund, der sich äußerst positiv auf die Produktion des Albums auswirkte. "Uns war relativ schnell klar, dass die Platte vom Konzept her zwar schon einen Hip-Hop-Vibe haben sollte, letzten Endes sollte es aber ein Soulalbum werden. Und so wollten wir dann auch echte Drums, einen echten Bass und echte Streicher." Doch auch das kompositorische Erbe des Jazz sollte für das Album nicht ausgespart werden, für Joy Denalane auch eine Möglichkeit, sich als formidable Jazzsängerin zu beweisen. "Das Jazzstück ‚I cover the waterfront' haben wir auf das Album genommen, weil Joy unbedingt einen englischsprachigen Song dabei haben wollte. Die ganze Platte besteht aus deutschen Texten, Joys Wurzeln aber liegen in englischen Stücken, das hatte sie schon damals auf dem Allstars-Album gezeigt. Ihr Vater hatte früher im Auto ein Billy-Holliday-Tape, und so hatte Joy diesen Sound schon seit ihrer Kindheit im Ohr. Als wir dann das Stück live im Studio eingespielt haben, hatte das eine wundervolle Dynamik, die dann lustigerweise auch so auf dem Album gelandet ist: Der Mix des Songs ging uns nämlich verloren, auf der Platte ist dann also nur ein Ruff-Mix (ein Take ohne anschließendes Abmischen und Aussteuern, Anm. d. Verf.) zu hören!"
Vielleicht sind es diese kleine kosmetischen Fehler, die die Platte zu einem so schlüssigen Album machen, eine große Rolle spielt aber sicherlich auch die Herangehensweise Kuruc' an sein Instrument. Im Gegensatz zu den vielen virtuosen Saitenartisten in dieser Zunft sieht er sich als echten Teamspieler, dessen Aufgabe es ist, dem musikalischen Kollektiv beim Erreichen eines gemeinsamen Ziels zu helfen: "Ich bin ein Bandgitarrist. Ich bin jetzt kein reiner Rhythmusgitarrist, aber mir geht es darum, das Stück selbst weiter zu bringen, und so spiele ich dann eben auch das, was dem Stück dient." Auf dem 2000er FK-Allstars-Album-Track ‚Brown Eyes' z.B. sind es minimale Mittel, mit denen Kuruc das Stück zum Grooven bekommt: Er zupft einfach abwechselnd eine Quart und eine Terz auf den D- und G-Saiten und bringt mit seinen angedämpften quasi Singlenotes so eine Art "Breakfunk-Feel" in den Song ein. Ein Mittel, mit dem er - wenngleich in etwas erweiterter, komplexerer Form - auch das Denalane-Stück ‚Höchste Zeit' auf eine andere Ebene hebt. Das ist im Übrigen auch das einzige Stück auf dem Album, auf dem ein Gitarrensolo zu hören ist, das dann aber auch ein Zeugnis für den harmonischen Einfallsreichtum des Gitarristen darstellt. Sein Favorit auf dem Album ist dennoch ein anderer Song: "Es gibt auf dem Album kein Stück, das ich nicht mag. Mein Lieblingssong auf der Platte ist aber, glaube ich, ‚Fragen (Ein Brief aus Lesotho)', die Vertonung von einem Bertold-Brecht-Gedicht. Ein wunderschönes, weiches Stück mit Vibraphon und mehrstimmigem Gesang."
Ganz anders als der weiche Soulklang auf den Stuttgarter Tracks ist der Sound seines Soloalbums ‚Limits No Limits': im Gegensatz zu seinem puristischen Kolchose-Sound sind sein Spiel und auch seine Kompositionen viel fusionlastiger, sein Ton weitaus spitzer und effektgeschwängerter. "Die Platte ist für mich nicht wirklich aktuell, die habe ich 1996 gemacht, und mein Sound hat sich im Laufe der Jahre völlig verändert. Ich stehe schon sehr auf die Platte, aber mittlerweile bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich schon mal wieder ein neues Album unter meinem Namen rausbringen möchte. Leider hatte ich aber in den letzten Jahren nicht die Zeit dazu."
Trotz der verschiedenen Welten, in denen er sich klanglich in den letzten Jahren bewegt hat, hat sich Frank Kuruc nie darauf verlassen, seine Soundentwicklung etwaigen Effektprozessoren zu überlassen. Sein ‚Arbeitstier' ist seit einigen Jahren eine naturbelassen lackierte Gibson ES-347 (vielleicht eines der seltensten ES-3XX-Modelle), hat bereits eine aufregende Reise hinter sich: "Schon meine erste Gitarre war eine ganz billige 335-Kopie, an so eine Gitarre hatte ich mich gewöhnt, und so eine wollte ich wieder. Irgendwann hatte mir dann ein Freund erzählt, er habe mal eine Gitarre in der Art gehabt, habe die aber mittlerweile verkauft. Gottseidank hatte er aber noch die Nummer von dem Käufer, der sie aber wiederum an jemanden in Düsseldorf verkauft hatte, sich aber auch dessen Nummer aufgeschrieben hatte. Also habe ich nun bei einem wildfremden Mann angerufen und ihn gebeten, mir seine Gitarre zu verkaufen. Eigentlich wollte er sie behalten, aber nach einem längeren Telefonat hatte ich dann diesen wildfremden Mann dazu überredet, mir eine Gitarre zu verkaufen, die er eigentlich gar nicht hergeben wollte, hatte ihn um zweihundert Mark heruntergehandelt und ihn außerdem noch dazu gebracht, in aller Frühe aufzustehen und mir das Instrument per Kurier zuzuschicken, ohne vorher auch nur einen Pfennig von mir gesehen zu haben." Das Besondere an der ES-347 ist neben den der 345 entsprechenden Hals- und Korpusmaßen und Griffbretteinlagen ein Splitschalter, der den Halshumbucker bei Bedarf auf Singlecoilbetrieb umschaltet. Außerdem spielt Kuruc nach eigenen Angaben bei seinen Duo-Gigs mit Joy Denalane noch eine "dicke Jazzgitarre" (eine Heritage Eagle) sowie als Ersatz auf der Bühne eine schwarze Blade Strat (mit zusätzlichem Roland GK-2A Midi-Pickup). Verstärkt werden die Saitenschwingungen über einen Line 6 AX 2. "Ich bin eigentlich ein Röhrenfetischist und habe früher Fender Twins gespielt, aber leider hatte ich da immer Schwierigkeiten mit dem Equipment. Als mir dann einmal während eines Gigs der Amp auf der Bühne im wahrsten Sinne des Wortes abgeraucht ist, habe ich beschlossen, mich nach einer Alternative umzusehen. Ein befreundeter Gitarrist aus Holland, Peter Tiehuis, hat mir dann den Line 6 empfohlen, und der ist wundervoll unkompliziert."
Unkompliziert ist dann wohl auch die Arbeit mit Frank Kuruc auf der Bühne. Die Band hat sichtbar Spass, und Joy Denalane kann sich trotz der großen Band und der komplexen Arrangements in der Musik fallen lassen, was sich dann auch in ihrer ausgelassenen Bühnenperformance zeigt. Sie ist voll und ganz auf ihren Gitarristen als musikalischen Fixpunkt ausgerichtet. Ein astreiner, jazzgebildeter Handwerker im Hintergrund ist vielleicht eine der sichersten Investitionen in ein solides Bandprojekt. Wenn nicht sogar das einzig Wahre.
Erschienen in Gitarre&Bass, Ausgabe 2/2003

Being smart is art
Die Bananafishbones im Portrait
Smart. Being smart is art. Seit einigen Wochen ziert der rockig-groovige Track, dessen Refrain fast wie eine Entschuldigung für das niedrige Niveau der "Muttersendung" rüberkommt, den schockierenden Nachmittagstalk "ClipMix". Ja, intelligent zu erscheinen mag eine Kunst sein, eine Band aus dem schönen Oberbayern jedoch hat sich diesen hohen Anspruch auf ihre Fahnen geschrieben und hat damit sogar (bis jetzt vor allem live) Erfolg.
Die Rede ist von den Bananafishbones, die vor drei Jahren mit ihrem Beitrag zum damals aktuellen Werbespot eines großen deutschen Modeunternehmens bekannt wurden. Doch vielleicht zuerst einmal zurück zu den Anfängen, die, man muss es in den heutigen Zeiten immer dazu sagen, ganz natürlicher und vor allem kreatürlicher Art sind: Entgegen dem heute vorherrschenden Trend, eine Band "zusammenzucasten" gründete sich das Trio vor guten elf Jahren in der Isarmetropole Bad Tölz, einem kleinen, verschlafenen, oberbayrischen Kurort zwischen München und den Alpen. Wie so viele Bands mit dem Vorsatz, zusammen eigene Musik zu schreiben und zu spielen, jedoch mit dem kleinen Unterschied, dass alle in verschiedenen musikalischen Ecken zu Hause waren: Sänger und Bassist Sebastian Horn (31) kam aus der Gruftieszene (der Bandname entspringt dann auch passenderweise einem Cure-Song) und ist ein fanatischer Horrorfilmfan, sein Bruder Peter (41) brachte Avantgarde- und Countryelemente ein und der "Bruder im Geiste" (Zitat Sebastian), Schlagzeuger Florian Rein (31), lebte seine Vorliebe für Pop und Jazz (er studierte sein Instrument übrigens auch ordentlich an der renomierten New Jazz School in München) aus. Die Songs kamen an, und nach einer testweise produzierten und sofort ausverkauften MC (das gab es damals noch) machten sich die Drei kurz darauf daran, einen professionellen Tonträger auf den Markt zu bringen. Mit Unterstützung ihres Freundes und Produzenten Tobi Neumann bannten sie ihre eigenen Lieblingsstücke sowie eine Coverversion eines Songs der Country-Songwriterlegende Woody Guthrie auf ihren Debütsilberling. "Grey Test Hits" (1995) lieferte damals einen Querschnitt der Arbeit der Band und kam sowohl bei den Fans als auch bei den lokalen Kritikern sehr gut an.
Die Türen raus aus dem zwar gemütlichen, künstlerisch und kommerziell jedoch ein wenig beengten Bad Tölz waren somit offen und innerhalb kürzester Zeit wurden die "Fishbones", wie sie von ihren Fans liebevoll genannt werden, im ganzen Oberland kultisch verehrt. Sowohl intime Konzerte auf ihrer Stammbühne, dem "Hinterhalt" im ländlichen Gelting, als auch Auftritte vor mehreren tausend Zuschauern wie beim DGB-Fest am Münchner Marienplatz wurden frenetisch beklatscht und mit hymnenhaften Kritiken quittiert. Da einer der größten Lokalhits der Drei, der Song "Easy Day" (der einige Jahre später deutschlandweit noch einmal zu einem großen Erfolg werden sollte), auf ihrem Erstling fehlte, entschlossen sie sich bei einer kurzen Studiosession über die Faschingstage 1996 eine EP aufzunehmen. Auf "Horsegone" befand sich neben "Easy Day" eine grungige Coverversion des ABBA-Klassikers "Gimme, gimme, gimme (a man after midnight)" sowie ein weiterer Song aus eigener Feder und die rauschhafte Vertonung eines Gedichts des englischen Dichters William Wordsworth. Es sollte ja nicht langweilig werden in der Bandbiographie, und so entschied man sich nach ausgedehnten Spaß-Tourneen durch Italien, es diesmal den großen Bands und dem damaligen MTV-Trend gleichzutun und ein Album in klassischer Akustikbesetzung aufzunehmen. "Ein Grund dafür, dass wir ein Unplugged-Album aufnehmen wollten, waren die furchtbaren Lautstärken, die bis dahin bei uns auf der Bühne herrschten" erklärt Peter Horn heute. "Ich war damals wirklich kurz davor, einen Hörschaden von den dauernden Lärmgigs davon zu tragen, und ein akustisches Set kam meinen Ohren damals gerade recht!". Bei einem "echten", dogmatischen Akustiksetup sollte es jedoch damals nicht bleiben, denn in der heimischen Stube probierte Peter bei den Vorbereitungen auf das Unplugged-Konzert einmal aus, seine mit Piezo-Pickup ausgestattete Akustikgitarre durch allerlei Verzerrer und Effekte zu jagen - mit Erfolg. Der Gitarrist war so begeistert von seinem Setup, dass er es (in modifizierter Form) bis heute nutzt. Die Platte selbst überraschte mit einem unglaublich dynamischen, vielseitigen und in hohem Maße witzigen Sound. So mischten die Drei neue musikalische Eroberungen mit alten Hits, einer völlig abgedrehten Version des Lynn-Anderson-Evergreens "Rosegarden" und einem vollkommen pervertierten Volksmusikshowdown. Auch wenn heute nach Angabe der Band das ganze Album mit "musikalischen und technischen Patzern" übersät war, ist es doch in gewisser Weise eine Art Wendepunkt in der Geschichte der Bananafishbones. Denn als Sebastian, Peter und Florian sich Ende 1997 erneut mit Tobi Neumann zusammensetzten, um ihr neues Album zu konzipieren, kam dieser mit der Möglichkeit auf sie zu, zusammen mit ihm den Song für den neuen Werbespot der Wäschekette C&A zu schreiben und einzuspielen.
Die Drei namen den Titel "Come to sin" zusammen mit ihrem eigenen Material in München auf und veröffentlichten anschließend im Frühsommer 1998 auf ihrem eigenen Label B.U.T. RECORDS das Album "Viva conputa". Bis zu diesem Punkt war die Musik der Bananafishbones für die Drei ein Hobby gewesen, wenngleich ein sehr zeitintensives. Peter verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Werbe- und Filmgrafiker und -musiker, Sebastian studierte Biologie und Florian kümmerte sich neben anderen musikalischen Projekten um die geschäftlichen Belange der Band. "Wenn man heute als Musiker überleben will, gehört eben einfach viel Organisatorisches dazu." sagt Rein heute. "Egal wie virtuos man sein Instrument spielen kann, es nutzt nichts, wenn man sich nicht zu verkaufen weiss. Das bedeutet nicht, dass man musikalisch Kompromisse eingehen darf, man soll nur eben seine Musik, wenn man hinter ihr steht, auch anderen zugänglich machen!". Peter bekräftigt: "Es muss einer da sein, der sich um die unangenehmen Dinge kümmert. Man hat immerhin auch ein Produkt, das man verkaufen will, seine eigene Kunst. Als der Punkt kam, dass wir uns wegen "Come to sin" fragen mussten, ob wir das überhaupt wollen, ob wir unsere Chancen deutschlandweit austesten wollen, da haben wir ganz klar gewusst, DASS wir es wollen. Das ist eine Chance für uns, das Ganze hauptberuflich zu machen, und die lassen wir uns nicht entgehen!"
Doch leider hatte das Trio auf dem Weg in die "erste Liga" mit leichten Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen: Während das Album auf ihrem eigenen (Indiependent-)Label erschien, sollte die Single von einem kleinen Kölner Label veröffentlicht werden. Nachdem das jedoch nicht ganz klappte, wurde ein Majordeal ausgehandelt und sowohl die Single als auch das Album (in überarbeiteter Form) erschienen ein halbes Jahr später auf Polydor. Es folgten eine große Deutschlandtour und der Release des alten Oberbayernhits "Easy Day" in einer wiederum überarbeiteten Version mit "Lola"-Darstellerin Franka Potente am Gesang und im Video. Das Album verkaufte sich gut und so lastete auf den Dreien der Druck, mit einem neuen Album an ihre bisherige Erfolge anknüpfen zu müssen.
Und wie es so oft kommt, war genau dieser Druck das, was die Band überhaupt nicht gebrauchen konnte: In Windeseile produzierte man "My private Rainbow" (2000), platzierte mit "Bum" und "Glam" zwei potentielle Singles darauf und verpackte das Ganze in eine schwarz-silberne Hülle, die das Trio in Paillettenanzügen und mit Cowboyhüten zeigt. Das Album als Ganzes ging trotz vereinzelter Glanzstücke wie dem balladesken "Lago di Bolsena" kommerziell wie musikalisch in die Hose. Und als wäre das nicht genug, stellte sich auch noch die Plattenfirma quer und verschob mehrmals den Veröffentlichungstermin für die geplante Single "Glam", um diese dann letztendlich trotz eines aufwändigen Videodrehs in den USA überhaupt nicht auf den Markt zu bringen. Das sollte nun mit dem nächsten Album alles anders werden. "Wir haben uns diesmal wirklich ein halbes Jahr Zeit gelassen, alle Songs und Texte frühzeitig zu schreiben und zu proben und sind dann damit ins Studio gegangen, um alles wirklich perfekt hinzubekommen. Das vorherige Album haben wir völlig übereilt angegangen und sind dadurch auch ein wenig ins Schleudern gekommen. Außerdem sind wir bei "A town called seven" wieder härter geworden!" sagt Sebastian fast enschuldigend, und Florian fügt hinzu: "Diesmal konzentrieren wir uns auf das Album. Wir haben zwar mit "Smart" eine Single auf dem Markt, haben aber z.B. gar kein Video produziert, unser Hauptziel ist es, dass sich das Album gut verkauft!" Und so investierte man den PR-Etat diesmal in erster Linie in eine Promotour und einige anschließende Supportgigs mit der mexikanischen Kultband "Tito and Tarantula", bei denen man, wie Florian sagt, "durchweg gute Resonanz" bekam.
Was kein Wunder ist, denn live spielen die Bananafishbones alle ihre Trümpfe aus. Die Drei schaffen es, den unheimlich breiten Sound der Alben live richtig fett umzusetzen. So singt Sebastian abwechselnd in zwei parallel montierte Mikros, wobei das eine, "saubere", ein NEUMANN KMS 105, direkt ins Pult geht und das zweite, die "Fahradlampe" von NEUMANN, vorher noch einen HUGHES&KETTNER Tube Faktor sowie einen BOSS Bassflanger durchläuft. Seinen Bass (einen japanischen FENDER Jazzbass aus den frühen Neunzigern und einen fünfseitigen KOST Sujet) verstärkt er seit kurzem über einen ROLAND DB700, nachdem das Signal ein Analogdelay aus den 70ern, einen BOSS OBD-3 Bassverzerrer , einen IBANEZ Sonic Distortion, einen BOSS SYB-3 Basssyntie, einen Big Muff (Verzerrer) und einen Small Stone (Phaser) sowie einen Basssyntie, alle von ELEKTRO HARMONIX, passiert hat. "Bisher hatte ich mich in einen AMPEG SVT gestöpselt, aber bei den vielen Festivalgigs und dem schnellen rein- und wieder rausräumen haben irgendwann einfach die Röhren versagt. Mit meinem Roland bin ich dagegen bis jetzt sehr zufrieden, der liefert mir völlig ohne Röhrenprobleme einen richtig fetten Sound." Sein Bruder ist der eigentliche Technikwizard der Band: Wie bereits erwähnt spielt Peter seit den Unpluggedkonzerten ausschließlich seine mit Piezopickup ausgestattete EKO Ranger 6, eine italienische Dreadnought mit gepresster Sperrholzdecke aus den frühen 80ern, die er völlig unorthodox nach dem Vorbild des Giant-Sand-Gitarristen Howe Gelb durch einen MESA/BOOGIE V-Twin Bodenpreamp, ein altes, lichtschrankengesteuertes MORLEY Volume/Wah (das Silberne!), einen alten PEARL Oktaver (mit einer Oktave nach oben), ein recht billiges NOBELS Tremolo und letztendlich einen uralten IBANEZ UE-405 Rackmultieffekt (Kompressor, Analogdelay, Pseudo-Stereo-Chorus, parametrischer Equalizer) über zwei DI-Boxen in die PA schickt. "Das Setup hatte sich so nach und nach entwickelt und war eigentlich für kleine Clubs und eben genau diese Unplugged-Gigs konzipiert. Dass das Ganze auf großen Bühnen mit dem harten Rechts-Links-Panning des Choruseffektes so gut kommt, ist ein echter Glücksgriff! Viel von dem breiten, verzerrten Sound entsteht eben genau dadurch, dass ich dieses Stereofeld aufbaue, das ist live extrem fett und dynamisch. Ich bin wahnsinnig glücklich damit, das ist im Grunde so etwas wie das Setup für's Leben!". Funktionieren kann das alles jedoch nur, weil die Band auf Tour im Grunde ihre gesamte Bühnentechnik selbst mitbringt und seit Jahren nur mit In-Ear-Monitoring spielt. Florian mischt den Monitorsound selbst, so dass es nie zu Rückkopplungen und den üblichen Beschwerden, der eine habe den anderen nicht hören können, kommt. Der Schlagzeuger hat im übrigen als Einziger ein festes Endorsement, er spielt TAMA Drums, MEINL Percussion und Becken, PROMARK Sticks und EVANS Felle. Darüber hinaus ist die Band NEUMANN-Endorser und singt ausschließlich über KMS 105, auch, weil sie nach Aussage ihres Backliners Andi Kern "um Welten besser klingen als die üblichen SM 58!". Und auf einen guten Klang beim Gesang legt besonders Sebastian, der quasi alle Texte der Somgs schreibt, großen Wert. "Um meine Texte und meinen literarischen Background zu erklären, müsste ich mein ganzes Leben erzählen." holt er aus, und fügt dann an: "Sachen, die mich beschäftigen, habe ich eigentlich schon immer in Gedichten und Songtexten verarbeitet. Und das merkt man unseren Stücken dann auch an. "Diggin'" zum Beispiel habe ich mit dem SPIEGEL-Titelfoto von Ulrikes verwaistem Fahrrad im Schnee im Hinterkopf geschrieben. Das Bild hatte mich sehr bewegt, aber ich wollte das Thema Vergewaltigung nicht mit dem erhobenen Zeigefinger angehen, sondern anstelle dessen versuchen, mich in einen Triebtäter hinein zu versetzen. Ich habe dann auch lange darüber nachgedacht, ob wir das Stück wirklich auf die Platte bringen sollten, aber meine Frau hatte mir die ganze Zeit dazu geraten, und als dann letzten Sommer nach einem Konzert ein dreifacher Vater mit Tränen in den Augen auf mich zukam und sich für den Song bedankte, war klar, dass das Stück drauf muss." So ist es richtig, der Fan hat das Sagen!
Ein völlig anderes Beispiel für die Hörigkeit der Drei gegenüber ihren Fans ist ihr eigenes, selbstinitiiertes Festival, das "Hillside". Nachdem die Band aus verschiedenen Gründen ihr allsommerliches Heimspiel in der Bad Tölzer Fußgängerzone aufgeben musste, entschied man sich auch auf Drängen der zahlreichen Fans, als Alternative ein großes Festival mit mehreren Bands zu veranstalten. Nach dem großen Erfolg im letzten Jahr findet der Konzertmarathon heuer mit Acts wie "Tito & Tarantula", "Readymade", selbstverständlich den Bananafishbones selbst und zusätzlich zwei Newcomerbands aus der Region, darunter die lokalen Skaheroen "Los Burritos" am 10. August statt. Wie man sieht, arbeitet die Band an ihrem Erfolg und an ihrem künstlerischen Glück hart. Dem aktuellen Album merkt man das (im positiven Sinne) an, und wenn alles gut geht, wird "A town called seven" für die Bananafishbones ein weiterer Schritt in Richtung Starruhm. Auch wenn das den drei Burschen vielleicht gar nicht stehen würde...
Erschienen in Gitarre&Bass, Ausgabe 7/2002
Fotos: Arnd Pröhl
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